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Game Changer: Die Geschichte von Leonie Harm

Hat es vielleicht mit dem Golfsport zu tun, dass Leonie Harm so viel Kraft hat? Wo manche sich aufgegeben hätten, kämpft sie sich ins Leben zurück! Ihr größter persönlicher Sieg folgt auf einen Unfall in den frühen Morgenstunden des 3. Mai 2013. 

•"Ich will nicht darüber definiert werden, was das Leben mit mir macht. Ich möchte darüber definiert werden, was ich aus dem Leben mache“, sagt Harm, die bereits heftige persönliche Rückschläge zu verkraften hatte.
„Ich will nicht darüber definiert werden, was das Leben mit mir macht. Ich möchte darüber definiert werden, was ich aus dem Leben mache“, sagt Profigolferin Leonie Harm, die bereits heftige persönliche Rückschläge zu verkraften hatte. Fotocredit rechtes Bild: Ladies European Tour / Tristan Jones

Leonie Harm wird beim Joggen von einem Auto erfasst. Es fährt 70 Stundenkilometer schnell, „der Notarzt hat meine Überlebenschance auf ein Prozent beziffert“, sagt Harm. Sie wird ins künstliche Koma versetzt. Von dort kämpft sie sich zurück.

Heute sagt sie: „Schwere Hirnverletzungen, mehrfache Knochenbrüche und andere Schäden an meinem Körper haben mich nicht von einer raschen, fast vollständigen Genesung abgehalten.“ Nur sieben Wochen nach dem Unfall kehrt sie auf den Golfplatz zurück – ein „Wunder“, titelte nicht nur die Tageszeitung „Die Welt“. Gerade nutzt sie die die turnierfreie Zeit für ein Praktikum im Tübinger Biotechnologie Unternehmen.

Game Changer durch private Schicksalsschläge

Profisportler haben normalerweise eine große Leidenschaft – ihren Sport. Aus einem Hobby wurde der Beruf. Einige sprechen deshalb von Berufung, wenn es um die Karriere in ihrem Sport geht, andere nennen es Bestimmung oder auch Schicksal.

Bei Leonie Harm ist das nicht anders. Die heute 22-Jährige begann früh mit dem Golfsport und hatte sich als Teenager bereits bundesweit, weit über die Stuttgarter Heimat hinaus, etabliert. Ein Golftalent wuchs heran, berufen, die ganz großen Herausforderungen zu meistern. Diese Herausforderungen kamen früher als gedacht. Doch sie waren nicht nur sportlich. Folglich ist das mit dem Schicksal bei Leonie Harm eben doch eine etwas andere Sache. Und so arbeitet sie in diesen Wochen, in denen der Tour-Betrieb stillsteht, eben nicht nur an ihrem Golfspiel – sondern auch an ihrer zweiten großen Leidenschaft: der Biochemie.

Krebsforscherin aus familiären Gründen

Seit Anfang April absolviert Leonie Harm ein Praktikum beim Tübinger Biotechnologie Unternehmen CureVac AG, das zuletzt durch die Arbeit an einem Impfstoff gegen das Coronavirus im Fokus stand. Sie freut sich sehr über diese Chance, Berufserfahrung in der biotechnologischen Forschung zu sammeln.

„Auch wenn ich natürlich keine verantwortliche Position innehabe, ist es schon ein sehr schönes Gefühl, an Dingen zu arbeiten, die die Menschheit weiterbringen könnten“, sagt sie.

Leonie Harm und die Biochemie – auch hier spielt das Schicksal eine Rolle. Im Frühjahr 2014 wird bei ihrer Mutter Brustkrebs diagnostiziert. Im Sommer 2016 verstirbt sie und Leonie Harm sagt heute: „Der persönliche Bezug durch die Schicksale in meiner Familie war der Hauptgrund, warum ich Biochemie und Biophysik an der University of Houston studiert habe.“ Sie fasst einen Entschluss: „Nach meiner hoffentlich erfolgreichen professionellen Golfkarriere möchte ich aus Verbundenheit zu meiner Mutter, Großmutter und Urgroßmutter, die alle an der Krankheit gestorben sind, als Krebsforscherin arbeiten.“

Leonie Harm nimmt die Herausforderung der zwei Bestimmungen an. Ihr Lebensweg gibt ihr dafür die Kraft. Sie weiß, dass sie hinfallen wird. Doch sie weiß auch, dass sie wieder aufstehen kann. Das hat sie bewiesen, nicht nur einmal. Aus dieser Gewissheit zieht sie ihre Stärke.

Titel und Rekorde

„Es ist die Kultur, in der ich aufgewachsen bin. Wenn man etwas wirklich will, gibt es keine Entschuldigung dafür, es nicht zu erreichen. Ich hatte ein schlechtes Jahr mit meinem Unfall und noch einmal, als meine Mutter starb. Aber dein ganzes Leben muss nicht von deinen Tiefpunkten bestimmt werden. Du machst weiter“, sagt Leonie Harm. Und wie sie weiter macht. Bevor sie in diesem Jahr als Rookie auf der Ladies European Tour startete, sammelt sie als Amateur Titel und Rekorde.

Als erste Deutsche gewinnt die Golferin des Golf Club St. Leon-Rot 2018 die Ladies‘ British Open Amateur Championship, die 115. Auflage des prestigeträchtigen Turniers. Darüber hinaus triumphiert sie im selben Jahr bei der German International Ladies Amateur Championship, die sie bereits 2015 zum ersten Mal gewinnen konnte. Der vierte Rang, ihre beste Platzierung im World Amateur Golf Ranking, ist deutscher Rekord – bei Männern und Frauen.

„Gamechanger“ Leonie Harm

Von der University of Houston, wo sie 2019 ihren Abschluss in Biochemie und Biophysik macht, bringt sie vier Einzeltitel mit nach Hause und die Gewissheit, das Damen-Golf-Team zu neuer Bedeutung geführt zu haben.

„Sie ist an unseren Uni-Wänden und in den Rekordbüchern zu sehen, und es gibt uns einfach die Glaubwürdigkeit, wirklich gut zu sein. Sie war für uns ein Gamechanger“, schwärmt ihr damaliger Head Coach Gerrod Chadwell.

Leonie Harm gibt die Komplimente zurück: „In meinen 22 Lebensjahren war die Entscheidung, an die Universität von Houston zu gehen, bei weitem die beste meines Lebens. Es war eine große Ehre und eine absolute Freude, Teil der Starthilfe eines Frauen-Golf-Programms mit einer so glänzenden Zukunft zu sein.“

Der Blick geht in die USA

Eine ähnlich aussichtsreiche Perspektive hat Leonie Harm selbst – auf dem Golfplatz und im Biochemie-Labor. Ihre Ziele sind auf beiden Feldern riesig, Major-Titel treffen auf Erfolge in der Krebsforschung. Leonie Harm ist „gerne beschäftigt“, neben dem Praktikum läuft das Training täglich weiter, Fitness, Laufen, viel Kurzspiel und Technik. Sie wird bereit sein, sobald es wieder los geht, stellt sich jedoch auch auf eine eventuell längere Turnierpause ein. Ziele hat sie dennoch: Bei den verbleibenden Turnieren auf der Ladies European Tour oft vorne mitzuspielen und möglichst viel Turniererfahrung zu sammeln, um bei der nächsten Qualifying School für die LPGA Tour voll anzugreifen.

Leonie Harm steht nicht still. Für sie ist das aber gar nicht so besonders: „Ich will nicht darüber definiert werden, was das Leben mit mir macht. Ich möchte darüber definiert werden, was ich aus dem Leben mache.“

Text: SMA

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