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Golfsport und Fasten

Wem könnte man Fachfragen zum Thema ‚Golfsport und Fasten‘ nicht besser stellen als einer Ärztin, welche nicht nur Amateurgolferin ist, sondern deren Urgroßvater Dr. Otto Buchinger vor 100 Jahren die Buchinger-Fastenmethode entwickelt hat. Der Großvater von Dr. med. Verena Buchinger-Kähler gründete dazu noch einen Golfclub und funktionierte den Familien-Bungalow zum ersten Clubhaus um. Quasi aufgewachsen im Klinik- und Golfsport-Umfeld und heute als Chefin der Buchinger-Klinik in Bad Pyrmont war sie für uns der perfekte Interviewpartner. Ernährung, Mind-Body-Medicine und Golf waren unsere Talk-Themen!

Heute leitet Dr. med. Verena Buchinger-Kähler (34), als erste Frau der traditionellen Arztfamilie, die Buchinger Fasten Klinik in Bad Pyrmont. Fotocredit: Buchinger
Heute leitet Dr. med. Verena Buchinger-Kähler (34), als erste Frau der traditionellen Arztfamilie, die Buchinger-Klinik in Bad Pyrmont. Fotocredit: Buchinger

2017 haben Sie gemeinsam mit Ihrem Mann die Leitung der Buchinger-Klinik übernommen – bleibt da noch oft Zeit zum Golf spielen?

Dr. med. Verena Buchinger-Kähler: ‚Um ehrlich zu sein, bleibt nicht wirklich viel Zeit. Wir sind ja auch Eltern eines mittlerweile zwei Jahre alten Sohnes, und planen möglichst viel Zeit mit ihm ein. Umso größer und intensiver dann die Freude am Sport und an der Natur, wenn wir uns diese Zeit dann nehmen.‘

Ihr Großvater hat den Golfclub Bad Pyrmont gegründet und Ihr Familien-Bungalow war das erste Clubhaus – was macht für Sie ganz persönlich den Reiz des Spiels aus?

Dr. med. Verena Buchinger-Kähler: ‚Natürlich verknüpfe ich mit diesem Sport auch Familie und Heimat. Ich habe bereits sehr früh begonnen zu spielen, aber mit 10 Jahren aufgehört. Zum Golfen bin ich dann erst nach der Facharzt-Ausbildung zurückgekommen. Das war gleichzeitig neu und dabei sehr vertraut – es fühlte sich wie ankommen an.

Die vier Dinge, die für mich den Reiz des Spiels ausmachen, sind:

  1. Die soziale Komponente, die sein kann, aber nicht muss.
  2. Die Natur, die uns demütig macht und Ruhe spendet.
  3. Die mentale Komponente, die zu 90% über eine gute oder weniger gute Runde entscheidet.
  4. Die körperliche Komponente, da es für mich ein fordernder Ausdauersport ist.

Golf schafft es, uns in einen „Flow“ zu bringen: Dann verschmelzen Körper, Geist und unsere Umgebung.

Welche Halfway-Verpflegung wäre für Sie perfekt?

Dr. med. Verena Buchinger-Kähler: ‚Golfen erfordert ein Mehrbedarf an Energie-, Nährstoff- und Flüssigkeitszufuhr. Rund 300 Kilokalorien können pro Stunde beim Bahnen-Laufen zusätzlich verbrannt werden. Die Flüssigkeitszufuhr kann sich auf mehr als das Doppelte erhöhen. Das sollte man ausgleichen, aber richtig.

Es ist gut, erst gar kein Hunger- und Durstgefühl entstehen zu lassen. Gerade bei längeren Kursen ist es von großem Vorteil, alle zwei Bahnen etwas zu trinken und alle drei bis vier Bahnen etwas kleines, vollwertiges zu essen und beim Halfway die Mahlzeit besser kleiner und auch natürlich vollwertiger ausfallen zu lassen. Eine zu üppige Halfway-Mahlzeit führt zu einer vermehrten Insulinausschüttung und einem wieder rapide fallenden Blutzuckerwert. Das Resultat sind Müdigkeit und abfallende Konzentration.

Auch aus diesem Grund vermeiden wir beim Golfen fettreiche Speisen mit viel gesättigten Fettsäuren (wie Currywurst und Schnitzel), sowie kurzkettige Kohlenhydrate, wie Zuckerbomben (Kuchen, Süßigkeiten). Ich rate zu vollwertigen Gerichten, also naturbelassene Speisen. Zwischendurch kann es einfach mal ein Stück Obst wie Banane oder Apfel sein, oder eine kleine Handvoll Studentenfutter.

Ein Tipp zur Flüssigkeitszufuhr: Verzichten Sie auf hypertonische Getränke, wie Cola, Limonaden, Malzbier, Eistee und Energydrinks. Sie sind nicht empfehlenswert, denn in solchen Getränken ist die Konzentration gelöster Teilchen höher als im Blutplasma. Dieser muss der Körper ausgleichen, indem er Wasser aus dem Blut entzieht. Das erzeugt erst noch mehr Durst als ihn zu löschen. Zudem enthalten sie viel Zucker. Stilles Mineralwasser ist der idealer Durstlöscher und übt keinen Dehnungsreiz auf den Magen aus, gern mit etwas Zitronensaft gespritzt. Auf längeren Runden reicht häufig zusätzlich eine Apfelsaftschorle, die an sehr heißen Tagen auch mal mit Salz versetzt sein kann. Der Flüssigkeitsbedarf ist sehr individuell und wetterabhängig (Schwitzen) und muss daher auch individuell anpasst werden.‘

Haben Sie einen Snack-Tipp, wenn nach Loch 11 dieses Energietief kommt! Wir sehen immer viele Golfer mit zuckerhaltigen Riegeln oder Energy-Drinks!

Dr. med. Verena Buchinger-Kähler: ‚Genau das führt aber leider umso mehr zu einem Energietief . Durch eine vermehrte Insulinausschüttung und einem wieder rapide fallenden Blutzuckerwert. Unsere fastenden Gäste nehmen häufig einen Orangensaft mit auf die Runde. Der darin enthaltene Fruchtzucker ist gut verfügbar, führt aber nicht zu einer so starken Insulinausschüttung, dass am nächsten Loch ein erneutes Leistungstief droht. Dazu ggf. ein Müsliriegel, den man sehr gut selbst herstellen kann.‘

Selbstgemachter Müsli-Riegel nach dem Rezept von Petra Hübner, Ernährungsberaterin in der Dr. Otto Buchinger Klinik Bad Pyrmont.

Kann man in Ihrer Klinik ein spezielles Fasten-Golf-Programm buchen?

Dr. med. Verena Buchinger-Kähler: ‚Bei uns sind Golfer bestens aufgehoben. Durch die enge Verbindung der Pyrmonter Golfclubs mit unserem Haus, haben die Gäste bezüglich Greenfee spezielle Konditionen. Wir helfen bei der Reservierung von Startzeiten und versorgen sie mit Rundenverpflegung. Außerdem arrangieren wir die Klinik-internen Termine so, dass diese das Golferlebnis abrunden und unterstützen. Das individuelle Vorgehen und diese Flexibilität kommt bei unseren Gästen gut an.

Zu empfehlen wäre nach einer 18-Loch-Runde z.B. eine Lymphdrainage und Kneippsches Fußtreten, oder am nächsten Tag eine Faszien-Massage. Eine spezielle physiotherapeutische Befunderhebung und darauf abgezieltes Muskelaufbautraining/Personal Training kann helfen, die Rotationsfähigkeit im Rücken zu verbessern, Kraft und Beweglichkeit zu verbessern, Schmerzzustände vorzubeugen oder zu behandeln.‘

Eins Ihrer Spezialgebiete ist die Mind-Body-Medicine – was empfehlen Sie bei nervigen Flightpartnern?

Dr. med. Verena Buchinger-Kähler: ‚Ganz ehrlich gesprochen hatte ich noch nie einen nervigen Flightpartner, das mag daran liegen, dass für mich Golf in den letzten Jahren immer ein seltenes Highlight war und ich mich daher über jedes Detail gefreut habe, vielleicht hatte ich auch nur Glück, oder ich war der nervige Flightpartner?

Der bedeutende Philosoph Adler sagte „Alle Probleme sind zwischenmenschlicher Natur“. Wenn uns etwas an z.B. Flightpartnern besonders nervt, dann meist, weil diese einen wunden Punkt in unserem Inneren treffen. Uns nervt an anderen Menschen oft, dass was uns an uns selbst stört.
Der erste Schritt wäre damit, sich dieser wunden Stelle bewusst zu werden.
Der zweite, diese anzuerkennen und anzunehmen als ein Teil von uns.
Der dritte Schritt geschieht dadurch von ganz allein: Ist man milde zu sich selbst, ist man auch milde zum anderen. Es ist ein spannendes Übungsfeld, das Überwindung kostet, aber Gewinn auf allen Ebenen bedeutet.

Sollte es aber dennoch diesen unerträglichen Flightpartner geben, dann handeln Sie nach der Regel der goldenen 1.000 Worte. Stellen Sie sich vor, Sie hätten nur 1.000 Worte pro Tag zur Verfügung. Mit wem würden Sie diese teilen? Natürlich mit Menschen, die diese wert sind. Seien Sie höflich, aber wechseln Sie nur das allernötigste mit der Person. Bleiben Sie bei sich, sonst wird Ihr Spiel noch wohlmöglich negativ beeinflusst.‘

Eine Empfehlung von Ihnen ist Meditation. Könnte man beim Golfen nicht auch Meditieren?

Dr. med. Verena Buchinger-Kähler: ‚Eine wunderbare Art der Meditation, die mit etwas Übung an jedem Ort – also auch auf dem Golfplatz – praktiziert werden kann ist die Gehmeditation. Wenn wir die Gehmeditation erlernen, dann üben wir bewusst in jedem Schritt anzukommen, sowohl in uns als auch im gegenwärtigen Moment. Hierbei ist der Weg das Ziel. Dies setzt voraus, dass wir keinen Zeitdruck haben, und auch keinen wartenden Flight hinter uns. Für den Anfang genügen vielleicht 10 Schritte, in denen man ganz bewusst die Aufmerksamkeit in die Abrollbewegung, den Kontakt der Füße zur Erde und in den Atem lenkt. Dabei kehrt Schritt für Schritt Ruhe und innere Präsenz ein. Wandert der Geist ab, z.B. durch ein lautes Geräusch, dann hilft es kurz Anzuhalten, sich der Störung zu widmen und im Anschluss mit der Gehmeditation weiter zu machen. Die ersten Schritte können manchmal sehr wackelig sein, es fühlt sich beinahe an, als ob man erneut zu Gehen lernt und das genau ist der Punkt: der Anfängergeist schafft Achtsamkeit.

Möglich ist auch eine Atemmeditation. Hierbei sollte mit geschlossenen Augen der Fokus auf die bewusste Ein- und Ausatmung und die kleine Pause zwischen jedem Atemzug gelegt werden. Studien zeigen, dass schon nach acht Wochen Meditation in unserem Hirn das Zentrum für Angst kleiner wird. Außerdem wird das Gehirn plastischer, was eine bessere Vernetzung unserer Hirnareale bedeutet.‘

Fasten Klinik Dr. Otto Buchinger nicht weit vom Golfclub Bad Pyrmont.
Klinik Dr. Otto Buchinger nicht weit vom Golfclub Bad Pyrmont.

Wie oft und wie lange raten Sie als Fasten-Medizinerin einen Stop bei Ihnen einzuplanen?

Dr. med. Verena Buchinger-Kähler: ‚Wenn man noch nie gefastet hat, sollte man schon 14 Tage einplanen. Das klingt zunächst nach viel Zeit, aber es hilft sehr dabei, in einen „Fastenflow“ zu kommen. Es klingt komisch, aber meistens möchte man gar nicht mehr aufhören zu Fasten. Die Mindestaufenthaltsdauer zum Fasten sind 10 Tage. Wir starten mit einem Entlastungstag, dann folgt die Fastenphase und ein behutsamer Nahrungsaufbau nach dem Fastenende. Je länger das Fasten, desto länger der Wiederaufbau. Die Fastendauer richtet sich nach der Indikation. Sind Leiden, z.B. chronische Gelenkprobleme, Bluthochdruck etc. der Grund für Heilfasten, dann würde ich immer eine längere Fastendauer empfehlen, z.B. 21 Tage.

Was die Häufigkeit anbelangt, so kommt es darauf an, was man erreichen will. Bei Allergien oder Autoimmunerkrankungen, z.B. wäre es sinnvoll mehr als einmal im Jahr zu Fasten. Wie positiv sich regelmäßiges Fasten auswirkt, habe ich am eigenen Leib erfahren, da ich früher sehr stark unter Heuschnupfen mit z.T. erheblicher Luftnot litt – super für Golfspieler. Mittlerweile brauche ich nur noch gelegentlich Allergiemittel.‘

Wie sieht so ein Tag für einen Kur-Patienten bei Ihnen aus? Hat man dann noch Zeit zum Golfen und verbessert sich das Spiel?

Dr. med. Verena Buchinger-Kähler: ‚Der Tagesablauf hat fünf Fixpunkte und dazwischen viel Freiraum für individuelle Tätigkeiten. Morgens wird Tee getrunken, dann erfolgt jeden zweiten Tag ein medizinischer Check-up, es folgt Zeit für Atemtraining und Sport. Mittags wird die Fastenbrühe eingenommen und danach ein Leberwickel auf dem Zimmer angelegt. Das geht mit einer Ruhephase einher. Danach findet sich Zeit zum Beispiel zum Golfen bis am Abend der Saft im Trinksalon gereicht wird. Während des Fastens bleibt eine gute Leistungsfähigkeit erhalten, nur ist die Maximalbelastung der Muskulatur reduziert. Unsere Gäste gehen z.T. täglich 18 Loch, ich selbst bevorzuge in der Zeit lieber 9 Loch, da unser Platz sehr bergig ist und ich nicht so häufig spiele.‘

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Fasten und Golfspiel?

Dr. med. Verena Buchinger-Kähler: ‚Absolut. Fasten bietet die Chance, sich mit seinem Innersten zu verbinden, man nennt das Embodyment. Wir erfahren diese innere Einkehr und haben die Chance, Wesentliches besser zu sehen und von Unwichtigem Abstand zu nehmen. Wir kommen in einen Flow und können unsere Intuition nutzen, für einen gesunden Lebensstil. Beim Golfen geht es ebenso um diesen Flow. Mein Pro sagt immer, dass es auf dieses Körpergefühl ankommt, bei welchem jeder Bewegungsablauf logisch und aus dem Inneren gelenkt wird. Man muss nicht mehr nachdenken. Es ist wichtig, seinen Fokus auf den inneren Flow und den Ball zu lenken. Alles umgebende, die Natur wahrzunehmen, ohne die Aufmerksamkeit, den Geist abdriften zu lassen. Beim Fasten wie beim Golfen gilt also: Alles wahrnehmen, alles loslassen, nichts festhalten.‘