Montag , Oktober 14 2019
Home / Equipment / Bizarrer Streit um das Yardage Book der Golfprofis

Bizarrer Streit um das Yardage Book der Golfprofis

Wer hat nicht schon bei der Fernsehübertragung von Profi-Golfturnieren gesehen, wie der Spieler und sein Caddie in einem ominösen Heftchen blätterten, wenn der nächste Schlag anstand? Ist es ein Buch mit Zaubertricks? Nein! Dieser kleine Block nennt sich ‚Yardage Book‘ und stellt eine präzise Lagekarte des gesamten Golfplatzes mit all seinen Spielbahnen und Facetten dar, wobei die Maßeinheit ‚Yard‘ natürlich auch durch ‚Meter‘ ersetzt wird oder werden kann. Früher haben die Caddies der Spieler solche Spickzettel für das Turnierspiel selbst erstellt, indem sie den Platz vor dem Turnier abschritten und möglichst genau vermessen haben. Es wurden – in grober Skizzenform – die Entfernungen von festen Anhaltspunkten wie etwa Bäumen und Hindernissen oder Bunkern und Teichgrenzen zum Ziel festgehalten, die Breaks auf den Grüns aus jeder Blickrichtung untersucht und markiert oder auch kleine Notizen zum optimalsten Spielablauf selbst verfasst.

Zur Geschichte des Yardage Books

Der gebürtige Australier Graeme Heinrich hatte als einer dieser ehemaligen Caddies jedoch so viel Spaß an der Sache gefunden, dass er es sich zum Beruf machte, solche Yardage Books für die Pros herzustellen. Gut, ob nun auch der finanziell mögliche Erlös für die filigranen Arbeiten völlig im Hintergrund stand, darf wohl angezweifelt werden. Sein Weg vom Caddie zum Guru der Yardage Books war vorgezeichnet.

Auch Greg Norman vertraute bei seiner Teilnahme an der Open 2008 dem Heinrich Yardage Book
Auch Greg Norman vertraute bei seiner Teilnahme an der Open 2008 dem Heinrich Yardage Book. Links im Bild: Golf-Teaching-Koryphäe David Leadbetter.

Heinrich kam als guter Golfer im Jahr 1987 nach Europa und begann sogleich damit, als Caddie an der Seite verschiedener Profis der European Tour zu arbeiten. So trug er etwa die Bags von Spielern wie Nick Faldo, Bernhard Langer, Jean Van de Velde oder Retief Goosen. Neben dieser ‚tragenden Rolle’ war er natürlich auch vor den Turnieren dafür zuständig, seinem Arbeitgeber ein möglichst genaues Yardage Book an die Hand zu geben. Mit den Jahren machte er das nebenbei auf zunehmend allen Turnieren der Tour und verkaufte seine immer begehrter werdenden Course Guides auch an andere Pros. Sein Hang zur Präzision und die übersichtliche Darstellungsweise der Zeichnungen sprach sich herum und so wurden seine in Bildform gebrachten Platzanalysen zum Durchblättern fast zum Maß der Dinge.

Fürs tagesaktuelle Platzlayout: Blasen an den Füßen, Handarbeit und Rechnerei

Filigranarbeit: Die Profis können und brauchen die ganz genauen Entfernungsangaben von jedem Punkt der Bahn
Filigranarbeit: Die Profis können und brauchen die ganz genauen Entfernungsangaben von jedem Punkt der Bahn

Um stets das wirklich tagesaktuelle Platzlayout abbilden zu können, reist Heinrich eine knappe Woche vor dem jeweiligen Tour Event an und macht sich an die Arbeit. Bewaffnet mit Block, Stift, Laserentfernungsmesser, Laufrad und neuerdings auch einer Digitalkamera wird jede Bahn Stück für Stück exakt dokumentiert. Anschließend verbringt er mehrere Stunden damit, diese Grobskizzen ordentlich auf Papier zu übertragen und alle Entfernungen, Wellen in Grüns oder Fairways und weitere Besonderheiten aufzuzeichnen. Ist er mit allem fertig, die Zeit drängt eben immer, erstellt er eine noch zweite Version des Büchleins, in dem die Strecken in Metern statt in Yards angegeben sind – es soll ja auch bevorzugt metrisch denkende Spieler geben.

Zum Schluss werden die Hefte ganz simpel auf einem Kopierer vervielfältigt, oder moderner per mobilem Farbdrucker ausgedruckt, und gebunden. Für einen sicher gut angelegten Betrag von mittlerweile rund 25 Euro können dann Spieler und Caddies die Heinrich’schen Kunstwerke im Bereich des Clubhauses kaufen.

Verrückter Streit zwischen Yardage Book-Makers

Wer nun denkt, Heinrich hätte einen Alleinstellungsstatus ohne ernstzunehmende Rivalen auf gleichem Niveau erreicht, irrt. Der vormals hauptsächlich auf der Ladies European Tour als ‚Yardage Book‘-Macher tätige Dion Stevens erschloss vor rund vier Jahren mit seiner Firma DSI auch die großen Touren als neues Geschäftsfeld. Stevens’ Course Guides waren etwas anders als die von Heinrich: in modernerem Look, noch etwas bunter, noch hochauflösender und sogar mit mehreren Standortfotos pro Spielbahn optimiert. Genauer werden sie kaum sein, denn Graeme Heinrich hat schon eine lange Praxisphase der Erfahrung hinter sich.

Wer kennt es nicht: Das „Road Hole“ des Old Course in St. Andrews, hier für die Open 2010 vermessen
Wer kennt es nicht: Das „Road Hole“ des Old Course in St. Andrews, hier für die Open 2010 vermessen

Wenn sich aber nun zwei anerkannte Größen des Geschäftes darum streiten, wer wo wie oft und an welcher Stelle des Turniergeländes die begehrten Heftchen verkaufen werden dürfen, gibt es vielleicht Ärger. Wo es vorher nur einen Anbieter gab, sind es nun derer zwei, die um die Gunst der Pros und Caddies buhlen.

Da dies den zuständigen Verantwortlichen der European Tour negativ ins Auge fiel, gab es vor Jahresfrist bei der Abu Dhabi Championship 2012 ein klärendes Meeting. Es sollte ein Kompromiss gefunden werden, wer der Beiden bei welchen European Tour-Turnieren an Anbieter fungieren dürfte, um keinen Stress aufkeimen zu lassen. Das Ergebnis dieser Gruppentherapie war eher ernüchternd. Heinrich wäre bereit gewesen, sich mit der Hälfte der Turniere zufriedenzugeben. Dion Stevens hingegen wollte nicht von seiner Haltung abrücken, seine ‚Yardage Books‘ ohne Ausnahme bei allen über die Saison stattfindenden Events vor Ort anzubieten.

Die beiden Vermessungsfreaks stehen also unter Beobachtung. Und sollte es zunehmende Zwistigkeiten geben, muss eine Regelung her – die dann aber in eine durch die European Tour festgelegte Verteilung münden wird. Ob sich die beiden Konkurrenten damit einen Gefallen getan haben, wird sich zeigen.

(photo credits: Heinrich Golf)

Advertisement