Es ist die bislang größte Zäsur in der noch jungen Geschichte von LIV Golf: Die 2022 gestartete Golf-Liga hat in den USA Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragt. Nach mehr als fünf Milliarden Dollar Investment durch Saudi-Arabiens Public Investment Fund soll nun ein radikaler Neustart folgen. Ausgerechnet die Spieler sollen künftig zu den Eigentümern der Liga werden. Kann aus LIV Golf 2.0 tatsächlich ein nachhaltiges Geschäftsmodell entstehen?
Vier Jahre lang schien Geld bei LIV Golf praktisch keine Rolle zu spielen. Mit enormen Garantiesummen, hohen Preisgeldern und aufwendig produzierten Events holte die neue Liga einige der größten Namen des Golfsports.
Jetzt zeigt sich erstmals öffentlich, wie problematisch die wirtschaftliche Basis dahinter geworden ist.
Am 8. September 2026 haben LIV Golf Incorporated und zahlreiche verbundene Gesellschaften beim US Bankruptcy Court for the District of New Jersey ein Verfahren nach Chapter 11 beantragt. Das Verfahren dient der gerichtlichen Restrukturierung und ist nicht mit einer unmittelbaren Liquidation gleichzusetzen.
LIV Golf soll vielmehr weitergeführt und Anfang 2027 neu aufgestellt werden.
Bis zu eine Milliarde Dollar Verbindlichkeiten
Die Zahlen aus den Gerichtsunterlagen sind dennoch bemerkenswert. LIV Golf gibt Vermögenswerte zwischen 100 und 500 Millionen Dollar an. Dem stehen Verbindlichkeiten zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Dollar gegenüber.
Seit dem Start der Liga im Jahr 2022 soll der saudische Public Investment Fund mehr als fünf Milliarden Dollar in das Projekt investiert haben.
Nun stellt der PIF noch einmal 49,6 Millionen Dollar als sogenannte Debtor-in-Possession-Finanzierung bereit. Dieses Geld soll den Geschäftsbetrieb während des Chapter-11-Verfahrens absichern.
Parallel dazu soll BC Partners Credit eine zentrale Rolle bei der Rekapitalisierung übernehmen. Nach Informationen der Financial Times steht ein Investment von rund 300 Millionen Dollar für die restrukturierte Gesellschaft im Raum.
Das zeigt auch die Dimension der Krise: Es geht nicht um eine kleinere finanzielle Korrektur, sondern um einen weitgehenden Neustart des Geschäftsmodells.
Rahm, DeChambeau und Johnson werden zu Gläubigern
Besonders spektakulär ist die Liste der unbesicherten Gläubiger.
Ausgerechnet einige der Spieler, die LIV Golf zu einer global wahrgenommenen Sportmarke machen sollten, warten nun selbst auf Geld.
Jon Rahm führt die Liste der prominenten Golfprofis mit einer Forderung von rund 7,47 Millionen Dollar an. Bryson DeChambeau werden rund 5,77 Millionen Dollar geschuldet, Dustin Johnson etwa 5,49 Millionen und Cameron Smith rund 4,83 Millionen Dollar.
Weitere Forderungen bestehen unter anderem gegenüber Adrian Meronk, Tyrrell Hatton, Bubba Watson, Abraham Ancer und Brooks Koepka.
Auch Unternehmen und Medienpartner finden sich unter den Gläubigern. Selbst Golf-Influencer Rick Shiels soll eine offene Forderung von rund 1,4 Millionen Dollar gegenüber LIV Golf haben.
Die genannten Forderungen dürfen allerdings nicht mit den gesamten Vertragswerten der Spieler verwechselt werden. Sie spiegeln offene Verpflichtungen wider – nicht zwangsläufig den Wert der ursprünglich abgeschlossenen Millionenverträge.
Der vielleicht teuerste Versuch, eine neue Golf-Liga aufzubauen
Die wirtschaftliche Geschichte von LIV Golf ist außergewöhnlich.
Statt eine Sportliga organisch über Zuschauer, Medienrechte, Sponsoren und gewachsene Rivalitäten aufzubauen, wurde zunächst massiv in das sportliche Angebot investiert.
Für einige Topspieler wurden Verträge beziehungsweise Garantiesummen in dreistelliger Millionenhöhe berichtet. Dazu kamen hohe Preisgelder, internationale Reisen, Eventproduktion, Marketing, Teams und umfangreiche Medienaktivitäten.
Die Strategie dahinter war nachvollziehbar: Wer die besten Spieler bekommt, bekommt irgendwann auch die Fans, Medienrechte und Sponsoren.
Genau diese Rechnung scheint zumindest in der ersten Phase nicht aufgegangen zu sein.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob LIV Golf attraktive Spieler verpflichten konnte. Das konnte die Liga zweifellos.
Die Frage lautet vielmehr: Kann daraus ein eigenständig tragfähiges Sportbusiness entstehen?
Spitzenspieler allein schaffen noch keine Sportliga
LIV Golf liefert damit eine interessante Lektion über die Ökonomie des professionellen Sports.
Sport lebt nicht ausschließlich von Qualität.
Er lebt von Rivalitäten, Historie, Qualifikation, sportlichen Konsequenzen, Identifikation und Geschichten, die sich über Jahre oder Jahrzehnte entwickeln.
Das Masters funktioniert nicht nur wegen seiner Spieler. Der Ryder Cup funktioniert nicht allein wegen seines Preisgeldes. Und auch die PGA Tour basiert auf einem über Jahrzehnte entstandenen sportlichen Ökosystem.
Diese emotionale Infrastruktur lässt sich nur begrenzt mit Kapital beschleunigen.
Fans sind keine beliebig skalierbare Position in einem Businessplan.
Jetzt sollen ausgerechnet die Spieler Unternehmer werden
Umso interessanter ist das Modell, mit dem LIV Golf nun den Neustart versucht.
Die reorganisierte Liga soll nach den bisherigen Plänen mehrheitlich den Spielern gehören. LIV spricht von einem „player-first ownership model“.
Damit würde sich die ökonomische Logik fundamental verändern.
In der ersten LIV-Phase bestand der Anreiz vereinfacht aus:
„Komm zu unserer Liga – wir garantieren dir sehr viel Geld.“
LIV Golf 2.0 könnte stärker nach dem Prinzip funktionieren:
„Werde Miteigentümer – und profitiere davon, wenn wir gemeinsam eine erfolgreiche Liga aufbauen.“
Damit würden aus hoch bezahlten Vertragsspielern zumindest teilweise Unternehmer.
Und genau darin könnte tatsächlich eine Chance liegen.
Wer Equity besitzt, hat ein anderes Interesse an Zuschauerzahlen, Sponsoren, Medienrechten, Ticketverkäufen und der langfristigen Attraktivität des Produkts.
LIV will auch sportlich umbauen
Der Neustart beschränkt sich offenbar nicht auf die Bilanz.
Für die zukünftige LIV-Struktur wurden unter anderem größere Teilnehmerfelder mit bis zu 75 Spielern, Cuts und zusätzliche Qualifikationsmöglichkeiten angekündigt.
Das wäre bemerkenswert, denn gerade das weitgehend geschlossene System gehörte von Beginn an zu den größten Kritikpunkten an LIV Golf.
Mehr sportliche Durchlässigkeit könnte helfen, eines der Grundprobleme der Liga zu lösen: die Verbindung zwischen sportlicher Leistung, Qualifikation und Zugehörigkeit zur Tour.
Ist LIV Golf also gescheitert?
Die Antwort hängt davon ab, welchen Maßstab man anlegt.
Als Experiment, innerhalb weniger Jahre eine weltweit bekannte Golfmarke aufzubauen und die Machtverhältnisse im professionellen Golfsport zu verändern, hat LIV Golf zweifellos Spuren hinterlassen. Die Liga hat Spieler bewegt, Preisgelder verändert und PGA Tour sowie DP World Tour unter erheblichen strategischen Druck gesetzt.
Als bislang eigenständig tragfähiges Geschäftsmodell fällt die Bilanz wesentlich kritischer aus.
Mehr als fünf Milliarden Dollar Investment und anschließend Chapter 11 sind kaum als wirtschaftlicher Erfolg zu interpretieren.
Andererseits ist Chapter 11 ausdrücklich darauf ausgelegt, Unternehmen zu restrukturieren und fortzuführen. LIV Golf ist damit nicht zwangsläufig am Ende.
Die entscheidende Frage beginnt vielmehr jetzt.
LIV Golf 2.0 muss beweisen, dass Menschen das Produkt wirklich wollen
Die zweite Phase wird deutlich härter als die erste.
Denn künftig reicht es nicht mehr, Aufmerksamkeit einzukaufen.
LIV muss zeigen, dass Fans einschalten, Tickets kaufen und Teams unterstützen. Sponsoren müssen einen messbaren Wert erkennen. Medienpartner müssen bereit sein, relevante Rechtepreise zu bezahlen. Und die Spieler müssen möglicherweise akzeptieren, dass unternehmerisches Upside auch unternehmerisches Risiko bedeutet.
Vor allem aber muss LIV Golf etwas schaffen, das selbst fünf Milliarden Dollar bislang nicht garantieren konnten:
echte Relevanz bei den Golf-Fans.
Sollte das neue Eigentümermodell funktionieren, könnte Chapter 11 im Rückblick tatsächlich der Ausgangspunkt für eine wirtschaftlich vernünftigere LIV Golf League gewesen sein.
Scheitert auch LIV Golf 2.0, wäre das Experiment dagegen eine der teuersten Lektionen der modernen Sportbusiness-Geschichte:
Man kann Stars kaufen. Man kann Preisgelder kaufen. Man kann globale Events finanzieren.
Aber Fans, Tradition und sportliche Relevanz lassen sich nicht einfach kaufen.
Stand: 10. September 2026. Das Chapter-11-Verfahren läuft vor dem U.S. Bankruptcy Court for the District of New Jersey. Die geplante Restrukturierung und die Beteiligung von BC Partners sowie der Spieler stehen noch unter dem Vorbehalt gerichtlicher und weiterer erforderlicher Zustimmungen.
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